Hier spricht der Kritiker: Ranking und Realität

Auf der Rückseite des Spiegel Special "Jung im Kopf" fand ich diese Anzeige.
Und da stellten sich mir gleich ein paar Fragen.

Warum gucken die beiden in verschiedene Richtungen? Ist er also traurig, weil er meint, sie wäre nicht schwanger? Und freut sie sich, weil sie meint, sie wäre schwanger? Und wie können die beiden überhaupt die Schrift auf dem Teststreifen lesen? Und weiter:

Wem gehört der Daumen? Dem Frauenarzt? Ihrer Mutti? Seiner? Und gucken die grundsätzlich in Anwesenheit von Dritten auf den vollgepieselten Streifen? Apropos Pieseln:

Wieso ist der Teststreifen trocken? War die Ersatzflüssigkeit alle?

Und wieso ist das Ding so lang? (Schätzungsweise 20 cm... – vielleicht guckt der junge Mann ob dieser Länge so verschreckt.)
Ist eine Menge los auf dieser Anzeige. Soviel kann man sagen:

Acht Elemente und eine etwas mehrdeutige Geschichte. Wer soll sich das alles merken? Kann ich die Mitte nochmal hören? Und wer war das?

Aha, hätt ich mir denken können müssen, wenn doch schon auf dem Titel "Jung im Kopf" stand: Jung von Matt war's. Eine der kreativsten Agenturen im Lande an einem richtig beschissen schlechten Tag. Alltag statt Award eben. Irgendwie beruhigend.

Kommentare:

Stefan hat gesagt…

Naja, es hätte schlimmer sein können. Element Nr. 9 hätte ja noch ein Störer »jetzt noch neuer!« oder »JETZT AM NOCH NEUESTEN!!!« in der rechten oberen Ecke sein können.

Monsieur Porneaux hat gesagt…

Tja, so etwas passiert eben, wenn sich eine Konzeption eines Anzeigenmotivs zwar gut liest ("zwei junge Leute, sie lacht, er schaut etwas dumm aus der Wäsche, als sie auf den ’positiv’ anzeigenden Schwangerschaftsteststreifen sehen"), visuell aber eben doch nicht in einem Bild unterbringen lassen.

Und wenn dann das Motiv schon "verkauft" ist, und der Texter nicht mehr greifbar, muss eben der Junior-AD sehen, wie er ein solches Motiv einigermaßen glaubhaft ’rüberbringt.

Schorsch Schlonzel hat gesagt…

Der Schwangerschafts-Tester ist wohl auch selbstgebastelt; er hat ja eher die Größe und das Aussehen eines Rechenschiebers.

Das bringt mich auf ein paar Filmchen, die vor einem halben Jahr im Netz die Runde machten, also ungefähr zu der Zeit als dieses Motiv als Konzept ausgearbeitet wurde:

http://angryhamster.com/images/movies/pregnancytest.mov
und
http://youtube.com/watch?v=_JJZiZHVovU

D. Krahl hat gesagt…

Schöne und treffende Analyse der Anzeige. War selbst vor ein paar Jahren als Werbekaufmann-Azubi in einer Sparkasse tätig und habe etliche schlechte vom OSGV vorgekaute Dachanzeigen in unserem Bereich als Vorlage eingehen sehen, die dann "noch kreativer" mit regional angepassten Headlines aufgepeppt wurden.

Linda hat gesagt…

Die Anzeige bietet zwar einen großen Interpretationsspielraum. Aber es steht wohl ausser Frage: Der Daumen mit dem Schwangerschaftstest gehört dem One-Night-Stand von vor 8 Wochen. Er bekommt einen Schreck, weil er jetzt Papi wird und die lachende Frau ist seine Schwester, die sich freut, weil sie Tante wird. Und die Flüssigkeit ist über den Tag getrocknet. Passt doch alles zusammen, oder?

Thies hat gesagt…

Jetzt dreht JvM endgültig durch, zumindets vM:
"Berlin - Einmal für kurze Zeit, für 20 Sekunden etwa, herrschte Stille bei der Night of Honour des Art Directors Club Deutschland (ADC) am Nikolausabend. Die anwesenden Werber, Marketingverantwortlichen und Pressevertreter im Berliner Museum für Kommunikation erhoben sich von ihren Plätzen zur "Schweigeminute". Aufgefordert dazu hatte Jean-Remy von Matt. Der Kreativchef der Hamburger Agentur Jung von Matt wollte so all jener guten Ideen gedenken, die nie verwirklicht wurden."
(Hier gefunden: www.manager-magazin.de/it/artikel/0,2828,453019,00.html)