Vier Wochen war der Rechner krank...

...jetzt geht er wieder, und dafür möge meinem Kollegen Daniel der tiefempfundene Dank eines verzweifelten Texters stets hinterherschleichen.

Tatsächlich war die Platte verstaubt und irgendwann kaputt. So geht das. Währenddessen spielte mein Sohn unverdrossen "League of Legende" an seiner Kiste und ich war oft neidisch und manchmal auch einfach nur genervt von seinen engagierten Nachtschichten.

Was blieb, war Zeichnen.
(Copyright bei mir, Thies Thiessen 2015)

(So, Kurve elegant genommen und Zeichnung gepostet. Rechner kann aus.

AUDI (Beiträge zur Vorurteilspflege, 1. Lieferung)

So, das muss jetzt mal raus: Ich mag Audi nicht.
Das muss sogar gleich noch mal raus: Ich mag Audi nicht. Und ich will es auch gleich begründen.


1. Alle Audifahrer tragen jetzt Racing-Caps.
Findet Audi, und finden Audi-Fahrer. Es war wohl der mittlerweile untote Imperator des Volkswagen-Konzerns ("Winterkorn, ich bin dein Vater, aber das ist mir doch wurscht"), der vor etwa dreißig Jahren beschloss, die etwas betagteren Handelsvertreter aus ihrem Auto rauszuekeln, indem er es ihnen schwer und schwerer machte, den Hut bei der Fahrt aufzubehalten.
Der Dachhimmel hedenfalls wurde abgesenkt. Kein Platz mehr für den Hut und fürs Clopapier, das man als Handelsvertreter auf Überlandtour immer dabei haben sollte. 
Und das war erst der erste von vielen kleinen, gemeinen Schritten.


2. Audi hat angeblich alles erfunden.
Vor Audi gab es keinen Allradantrieb bei Autos.Sagt Audi.
Gab es nicht. Vor Audi ist auch kein Auto einen Skisprungschnaze raufgefahren. Musste es auch nicht. Audi hat den Antrib dann auch gleich Quattro genannt und sich damit seinen eigenen Namen für eine Pest schützen lassen, die längst jede Automarke angesteckt hat, eine Seuche, die Stadtrandpendlern damit Eindruck schinden wollen lässt, indem sie abends dem Kollegen erzählen, sie könnten mit ihrer kleinen Kiste jederzeit auch ins Gelände, "Allrad, vaschtehste? Klar fahr ich meistens uff der Straße, aba ick könnte je.da.zeit könnte ick. Allrad eben!" (Bierglas heben, einen kraftigen Schluck nehmen) "Is schon geil, det, also theoretisch."
Vor Audi gab es kein Aluminium. Audi hat Aluminium überhaupt erst entdeckt und gleich alles in seinen Karosserien verbaut. Spart Sprit, heißt es. Rostet nicht, heißt es. Ist aber auch verdammt schwer zu entsorgen und hat 'ne ganz schlimme Halbwertszeit. Aluminium ist regelrecht gefährlich, befördert es doch Alzheimer. Aber das macht den Audifahrern nichts aus. Sie selbst merken es ja zuletzt. Ich will das im Folgenden belegen:


3. Audi macht frühdement.
Auf der oben verlinkten Website der deutschen Alzheimer-Gesellschaft heißt es an einer Stelle: (...)Die Studie ist ein weiterer Beleg dafür dass sich Aluminium bei Alzheimer- Patienten gehäuft an bestimmten Stellen des Organismus findet.(...)
Nun ist der Audi-Fahrer nachweislich fast komplett von Aluminium umgeben – und das hat fatale Folgen für das Kurzzeitgedächtnis. Noch nicht allzu lange zurückliegende Ereignisse und Erfahrung sind mit einem Mal und unwiederruflich verschwunden. (Zum Beispeil das, was man gelernt hat, als man den Führerschein machte.) Weg. Die armen jungen Menschen!
Auffällig bei dieser audi-induzierten Form der Hirnerweichung ist, dass vorwiegend Dinge aus dem Gedächtnis verschwindeen, die mit dem Autofahren zusammenhängen.
Zu Anfang vergisst der Patient nur vereinzelt, vor dem Abbiegen oder einem Spurwechsel zu blinken, aber nach einiger Zeit weiß er nicht mal mehr, wozu das Hebelchen da links am Lenkrad da ist. Auch die Anwendung der Bremse gerät nach und nach in Vergessenheit, und schließlich bleibt dem Fahrer nur ein Dämmerzustand, den er, so er ihn überhaupt registriert, mit groben Reizen zu bekämpfen sucht: Er betätigt Lupe und Lichthupe und lässt die Reifen beim Anfahren schmerzerfüllt aufkreischen. Da spürt sich der Erkrankte kurz, das bringt den weichen Bregen noch mal kurz zum Kochen.


4. Audi lässt BMW und sogar Mercedes sympathisch wirken.
Also sagenwarmal, fast. Und selbst "fast" geht gar nicht. Tatsächlich scheint es allmählich so, als wäre die früher bei Mercedes serienmäßig eingebaute Vorfahrt nun auch schon von Audi erst geklaut und dann als eigene Erfindung bezeichnet.
Während der Benz immer kleiner wird und plötzlich niedlich Smart heißt, baut Audi in seine Autos Leuchten ein, die einen bei Nacht regelrecht bedrohlich böse, angsterregend fixieren. BMW kauft sich einen Mini und macht den, nur um gegenzuhalten und aus alter Gewohnheit, dick und dicker.
Aber es hilft alles nicht.

Audi hat gewonnen. Gegen alle. Piëch gehabt, Ihr anderen. Bzw. eben gerade nicht.
Denn der Intrigator Imperator tritt gerade ab wird abgetreten.

Bis es soweit ist, bleibe ich dabei: Ich mag Audi nicht.

Neue Wörter, Folge 66:

Meine Frau hat sich gestern versprochen. Und dabei gleich ein schönes Wort erfunden, das zwei andere aufs Hübscheste miteinander verbindet. (Möglicherweise mit Hilfe der bei Obi momentan schwer erhältlichen Kabelbinder.)

Sagen wollte sie obszön*.

Sagen tat sie
obszinös
Was mit kurz ominös** vorkam, und dann irgendwie treffend.

In diesem Zusammenhang zitiere ich einen alten Limerick:
Es kaufte ein Greis sich aus Plön
ein Buch, das war schrecklich obszön.
Er fand es abscheulich,
ganz schrecklich und greulich
und obszön. Aber schön. 
Das wollte ich natürlich auch gleich fortdichten,
denn ein neues Wort verdient einen neuen Limerick
Ein Mädchen des höh'ren Milieus
kauft ein Buch sich, das ist obszinös.
Sie findet's abscheulich
und schrecklich und greulich
Und sie mag es. (Sehr ominös.)






*Der Duden erklärt hier:
Adjektiv
1. in das Schamgefühl verletzender Weise
2. [moralisch-sittliche] Entrüstung hervorrufend

**Hier sagt der Duden:

Adjektiv
1. von schlimmer Vorbedeutung; unheilvoll
2. bedenklich, zweifelhaft; berüchtigt

Nepal: Kein Bild und seine Geschichte

1996 war ich zum dritten und bisher letzen Mal in Kathmandu. Nicht um zu trekken und schon gar nicht um zu klettern – ich bin nicht so der Abenteurer – sondern um Kathmandu zu erleben, einen Platz, den ich vom ersten Besuch an empfunden (und bald auch genossen) habe wie das Ziel einer durchgeknallte Zeitreise.
Das Geschäft für moderne Unterhaltungselektronik, vor dem eine abgemagerte Kuh nach fressbarem Unrat suchte. Das "Old Vienna Inn", in dem junge Nepali in österreichische anmutender Tracht bestes Wiener Schnitzel (aus Büffelfleisch) servierten. Die wohl größte (ehemals Privat-) Bibliothek Asiens, in der ich unter vielen Schätzen eine Erstausgabe des Ulysses von James Joyce sah und auch andächtig durchblätterte – sie war von den Gängen fleißiger Holzwürmer durchzogen. Schließlich der dazu gehörige, halb verfallene Garten, den ich durch ein Tor betrat, bei dem auf einer Seite "Garden" stand und auf der andren "Dreams".  Und um den geht's hier.

Mein Lieblingsplatz 1996

Die Kaiser Library und der Garden of Dreams (so heißt er jetzt oder wieder) sind das Erbe von Field Marshal Kaiser Sumsher Rana (1892-1964), der beides 1920 im neoklassizistischen Stil errichten ließ.
Neoklassizistisch? Nepal? Allerdings.
Schließlich war der Feldmarschall in seiner Jugend einige Male in England gewesen und hatte von dort viele Anregungen für sein Wunschleben und eine große Unlust zu regieren mitgebracht. Also ließ er sich seine ganz persönliches Rückzugsgebiet bauen.

Nach seinem Tod mochte und konnte sich niemand aus ganzem Herzen darum kümmern und so verfiel die Bibliothek in eine Art Dornröschenschlaf, aus dem ihn auch die eher müden Beamten des später eingezogenen Bildungsministeriums nicht weckten.

Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde beides gründlich renoviert – im Jahr 1996 war alles noch sehr, sehr marod und wild romantisch. Der Garten war einer meiner Lieblingsplätze, an den ich mich öfter aus dem Stadttrubel zurückzog, um dort zu zeichnen.

Es gab dort auch einen Pavillon, der bei dem großen Erdbeben 1934 sehr gelitten hatte. Durch seine Rückwand zog sich ein tiefer Riss von unten nach oben. Der Feldmarschall hatte eine Idee für die Reparatur, die gut zu dem Kathmandu passt, das ich wahrgenomme habe: Er ließ den Riss schließen, aber so, dass er sichtbar blieb. Und an die Seiten dieses Risses ließ er Laub malen, also Blätter, die sozusagen aus dem in einen Trieb verwandelten Riss sprossen.

Ich habe dieses Bild in den letzten Wochen immer wieder im Kopf. Und ich ärgere mich ein wenig, dass ich es damals nicht abgezeichnet oder wenigstens fotografiert habe. Denn es ist ein kaum zu schlagendes Symbol für die Hoffnung und das Wiederaufstehen Kathmandus.

Es ist ein Zeichen für Hoffnung überhaupt.

In diesem Sinne lade ich meine Leserinnen und Leser ein, zu spenden.

Jetzt. Und hier:

Empfänger ADH & BEH
Commerzbank
IBAN DE53 200 400 600 200 400 600
Stichwort ARD: "Erdbeben Nepal"
BIC COBADEFFXXX

www.spendenkonto-nothilfe.de

Danke.

Ich möchte bitte keine Sprachsteuerung


Ich habe vor eine paar Tagen bei meinen Mobilfunkprovider angerufen. Ich sollte nicht mehr die Eins oder die Rautetaste drücken, sondern laut und deutlich "Ja" sagen. Oder "Nein". War am Ende aber auch egal.
Von BMW läuft im Moment ein lustiger Werbespot, bei dem das Krümelmonster einfach nur Kekse haben will, aber die freundliche Stimme von "Connected Drive" bietet stattdessen jede Menge Varietäten an und die Route zu den Bäckereien, wo's die gibt.
Ich weiß nicht, ob der jetzt für oder gegen BMW wirbt.
Siri hab ich noch nicht ein einziges Mal nach irgendwas gefragt.


Und jetzt krieg ich Angst vor der neuen Kaffeemaschine im Büro...
Willkommen bei Connected Coffee. Was kann ich für Sie tun?
- Ääh, Kaffee...?
Sie möchten Kaffee. Möchten Sie Espresso, Capuccino, Latte Macchiato oder etwas anderes. Sprechen Sie bitte laut und deutlich.
- Also, äh, Kaffee.
Sie möchten Kaffee. Möchten Sie Espresso, Capuccino, Latte Macchiato oder etwas anderes. Sprechen Sie bitte laut und deutlich.
- Schwarzen Kaffee.
Ich habe Sie leider nicht genau verstanden. Wiederholen Sie Ihre Eingabe bitte laut und deutlich.
- Einfach schwarzen Kaffee. Bloß keinen Espresso!!
Sie möchten Espresso? Groß oder klein? Bestätigen Sie Ihre Eingabe mit Ja oder Nein.
- Nein!!! Kein Espresso.
Einen kleinen Espresso. Gern, einen Moment bitte.
(Fasziniert und auch ein bisschen angewidert gucke ich die Maschine an, bei der sich in den nächsten 30 Sekunden rein gar nichts tut, außer, dass sie etwa alle 2 Sekunden ein leise feucht tickendes Geräusch von sich gibt.)
Bitte platzieren Sie Ihre Espressotasse unterhalb der Ausgabetülle.
(Ich stell meine Tasse dahin, wo ich die Tülle vermute.)
Bitte platzieren Sie Ihre Espressotasse unterhalb der Ausgabetülle. 
(Ich schiebe sie ein Stück nach links.)
...
(Nach rechts. Wieder zurück.)
...
Danke. Beachten Sie bitte, dass Ihre Tasse mehr Platz bietet als für einen kleinen Espresso.
Möchten Sie gegebenfalls alternativ einen schwarzen Kaffee?
Erleichtert seufze ich auf:
- Das wär Klasse!!
Sie möchten Einen Latte Macchiato.
(Ich gebe auf. Latte soll ja auch ganz nett sein.)
Bitte treten Sie einen Schritt zurück, die Milch wird dampfend aufgeschäumt.
(Zischschschzisch, in der kleinen Küche wird die Sicht schlecht, als sich der Nebel verzogen hat, blinkt an der Maschine ein kleines rotes Lämpchen.)
Es tut mir leid, aber ich muss eben Milch ins System spielen. Bitte warten Sie einen Moment.
(Fröhliche Almmusik erklingt, Kuhglocken, Melkgeräusche)
Leider sind im Moment alle Melkplätze besetzt, ihr nächster persönlicher Senn ist in etwa 20 Minuten verfügbar...

Ich gehe genervt an den Kühlschrank und will mir einen Cola rausholen.
Eine freundliche Stimme spricht zu mir:
Bitte nennen Sie vor dem Öffnen Ihre persönliches Mitarbeiterkennwort...

Werde ich etwas alt?

Das will ich doch hoffen.

Post an Wagner

Lieber Franz-Josef Wagner.

(Ach, wissen Sie was? Vielleicht sollte ich – in dem Wissen, dass man schwer betrunken sein muss, um Zeilen wie Ihre hinzukriegen – Sie gleich vom Start weg – haha! urkomisch! – wagnerisch geschmacklos zitieren. Ja, genau das mach ich:)


Liebes Absturz-Opfer.
Im Dröhnkopf an der Schreibmaschine, der Deinen Text jetzt liefern soll, bewegt sich nichts. Was für ein Sabbern, Geifern, Hecheln sonst um Zeilen, Absätzen, Honorare. Doch die Birne, sie bewegt sich nicht, weil tote Bregen nicht mehr denken. Die kleinen grauen Zellen und ihre Restgedanken liegen verstreut, verkrümelt und zertrümmert zwischen Koksstaub und Rotweinflecken im zugesifften Heimbüro herum. „Zwei Babys sollen in den Text und eine deutsche Austausch-Schülerklasse“. Was alles geschah in dieser BILD-Redaktion – bevor sie dich und viele andere Verkomm’ne zu diesem Thema buchten? Knabberten Reporter Nüsse, tranken sie Whisky-Cola und guckten sich professionell gelassen Fotos abgerissner Körperteile an? Nervte der Diekmann, indem er wieder mal euphorisch quengelte? Wie war die Stimmung, wussten sie, dass sie ihr Herz bereits vor Jahren am Bild-Check-In abgegeben hatten? Ich denke, sie spürten nichts, bevor der letzte Rest in ihnen starb. Nette Volontärinnen…

Es ist so furchtbar.
Du möchtest kein Wort mehr darüber schreiben. Und nicht eines weniger.

Herzlos, Thies Thiessen



(Zur Orientierung der Artikel von Franz Josef Wagner aus der Bild-Zeitung vom 25.03.2015:

Liebe Absturz-Opfer,Das Gepäckband in der Ankunftshalle, das Eure Koffer bringen soll, bewegt sich nicht. Was für ein Treiben, Schubsen sonst um Rücksäcke, Samsonites. Das Gepäckband in Düsseldorf bewegt sich nicht, weil Tote keine Koffer abholen. Die Koffer und die Toten liegen verstreut in den französischen Alpen. Zwei Babys waren im Flugzeug und eine deutsche Austausch-Schülerklasse. Was alles geschah in diesem Flugzeug – bevor es abstürzte? Knabberten die Passagiere Nüsse, tranken sie Cola, guckten sie in die Sonne durch das Kabinenfenster? Nervten die Babys, die quengelten? Wie war die Stimmung in dem Flugzeug, das in den Tod flog?
Ich hoffe, sie waren glücklich, bevor sie starben. Nette Stewardessen ...
Es ist so furchtbar. Ich will kein Wort mehr darüber schreiben.
Herzlichst, Franz Josef Wagner
)

Wahl 2015 in Hamburg: Farbenrausch

Die Nächte werden wieder kürzer, Hamburg wird langsam heller. Und man kann sogar die eine oder andere Farbe wieder erkennen.

Bzw. die eine und die andere und die andere und die dann auch und noch eine und einehamwernoch: Will sagen, die Bürgerschaftswahl wirft ihre knallbunten Schatten voraus. Und ich bin durcheinander. Einst lernte ich nämlich mal: SPD = Rot; CDU = Schwarz; FDP = blaugelb; Grüne = Grün; Sonstige = Sonstige. Und das gilt nicht mehr. Genausowenig wie die alte Behauptung, Parteien bräuchten Meinungen und Ziele, die über den Wahltag hinausreichten.

Aber ich will nicht meckern. Freuen will ich mich darüber, wie die Parteien unsere Stadt bunt machen. Und so rufe ich froh das Dichterwort:


So ruft es in Hamburg fast jede Partei:
Seid farbenfroh. Und meinungsfrei.

Vorweg ein bisschen Grünzeug
mit künstlichen Farbstoffen.
Gestalten für die SPD:
rot, Balken, weiter vorn.
SPD-Rezept: Lustiger Name, serviert
auf Cyan an gelbem Balken.
SPD auf dem Kiez: Papierpiercings,
Augenklappe und tiefmagenta
CDU: Nach dem OlevanBeust-Gelb
nun Tiefblauseriös: Kann mehr
CDU vollkommen blau:
Ein Mann mit fünf Stimmen.
Auch sehr blau. Aber Hamburg muss.
(Kann man nix machen)
Die Linke zuverlässig:
Schwarzweißmalerei mit viel Rot
Cosmopolitan und Regenbogen.
Ist aber FDP.
Neue Modeideen, Chic in Farbe
FDP gibt Meinung vor:
Wind von rechts weglächeln.
Da war doch noch was...






Prioritäten

Ein, zugegeben, blöder Titel für eine Geschichte.
(Ist aber auch schwierig, wenn die Geschichte da ist und man nie über einen Titel nachdenken wollte.)


Als Hans-Georg mich vor einigen Jahren an einem Abend im Juli anrief, waren gerade Schulferien.

(Wir kannten uns damals immerhin 25 Jahre. Ich hatte mit meinem Skizzenbuch am Rande eines Spielplatzes gesessen und Menschen gezeichnet, als er auf mich zukam und mir erzählte, er würde gerade ein Straßentheaterstück inszenieren und bräuchte noch wen, der das Plakat machen könnte und ob ich nicht Lust dazu hätte und auch dazu, abends zu ihm zum Essen zu kommen, da könnte man alles Nähere besprechen. Ein Österreicher, der mein Vater hätte sein können, der offen schwul war und angeblich Autor und Regisseur und auch sonst so was von interessant. Was für eine Nervensäge. Nur, ich habe nicht viele Freunde. Ich hatte auch damals nicht viele Freunde und deswegen hatte ich auch nichts Besseres vor, also sagte ich zu. So begann eine unglaublich anstrengende Freundschaft.)

Seine Stimme am Telefon war, wie üblich, fordernd: Ich müsse unbedingt zu ihm kommen, zum Abendessen. Ich wand mich.

(Noch am selben Abend erfuhr ich viel von ihm, wovon ich vieles abstrus fand. Dass er schwul war, beunruhigte mich nicht. Dass sein Freund mal gerade eben das Abitur hatte und bei der ersten Begegnung mit Hans-Georg in Ohnmacht gefallen sein sollte, schien mir übertrieben und ich fand auch, dass mich das nichts anging. Die Bücher, die er geschrieben haben wollte, glaubte ich erst, als sie später, beim Rauchen im Arbeitszimmer, im Regal standen. Während der nächste Joint gebaut wurde, forderte er mich auf, einen Text von ihm vorzulesen, den er, wie er sagte, gerade für den Enzensberger schrieb. Es war ein richtig guter Text. Ich schrieb damals noch nicht, aber lesen konnte ich. Und vorlesen auch. Und ich wurde neugierig auf ihn.)

Wie in letzter Zeit immer öfter, schaltete er nun auf Quängeln um. Er würde mich wirklich gern sehen. Ich hatte eigentlich keine Zeit.

(Ich machte das Plakat, und im Jahr darauf schaffte er es tatsächlich, mit zwanzig Amateuren jede Menge Szenen von Karl Valentin für die Straße zu inszenieren; ich spielte eine Hauptrolle beim Theaterbesuch, außerdem den Buchhändler Wanninger und einen Pressefotografen bei der Mondrakete. Auch ohne Aufträge war Hans-Georg ein vielbeschäftigter Mann. Er prozessierte erfolgreich gegen einen Zeitschriftenverlag, der seinen Text entstellt hatte und machte danach eine Party, die ihn gleich wieder in Schulden stürzte. Er setzte sich im RTL-Studio auf den „Heißen Stuhl“ und argumentierte dort listig für die Hanf-Freigabe. Er plante einen Hexenroman, den er nie schrieb. Er erwischte einen Fachbuchautor beim Abschreiben aus einem seiner älteren Bücher und kriegte so einen Vertrag für eine Neuauflage des eigenen Buches. Er wurde von dem jungen Freund verlassen und war bald darauf mit einem nicht weniger jungen Biologen aus der Schweiz zusammen, den er sehr liebte. Sehr öffentlich. So anmaßend, arrogant, charmant und rücksichtslos, wie Hans-Georg sich inszenierte, war er mir und anderen oft sehr, sehr peinlich. Er war immer laut. Fast immer.)

Ich legte die Hand auf den Hörer und sprach mit meiner Frau: Hans-Georg wäre dran, wolle mich unbedingt sehen. Jetzt mischte sich mein Sohn ein, der mit mir Lego spielen wollte, ich solle nicht wegfahren. Ich überlegte.

(Auch von dem Schweizer wurde Hans-Georg irgendwann verlassen. Danach verliebte er sich immer mal wieder und immer unsterblich. Manchmal blieben sie hinterher Freunde, manchmal wurde es ekelhaft, und sowieso wurde er älter. Es gab Abende, bei denen der Küchentisch nicht mehr vollbesetzt war. Abende, an denen ich einfach mal vorbeischaute, und wir saßen da, er legte sich eine Patience, ich zeichnete sein Küchenchaos, der CD-Player spielte seltene Jazzaufnahmen und keiner sagte was. Bei einer dieser stillen Gelegenheiten erzählte er mir, dass er eigentlich nichts wirklich gut könnte außer plaudern. Und ich sagte ihm nicht, dass es mir im Grunde ganz genauso ging, dass ich mich immer fühlte, als würden andere mich überschätzen. Er wusste das wohl auch so. Irgendwann, ein paar Jahre nach meiner Hochzeit, bei der er natürlich zu Gast war – Scheiß auf peinlich! – schrieb er seine Erinnerungen auf, die von der Kritik hochgelobt wurden. Als er sich an den zweiten Band machte, kam der Schlaganfall, und ich fragte mich, ob ich wohl noch drin vorkommen würde. Und ob ich das wollte.)


Hans-Georg, sagte ich. Ich glaube, ich kann heut wirklich nicht. Ich habe versprochen, dass ich heute Abend zu Hause bleibe, dass wir heute Lego spielen. Hans-Georg konnte so stur sein: Bitte. Komm.

(Nach dem Schlaganfall war er halbseitig gelähmt. Die Reha hatte er verweigert und darauf bestanden, so schnell wie möglich wieder in seine Wohnung zu kommen. Dort pflegte ihn Eckart, der schon seit Jahrzehnten die Wohnung mit ihm teilte. Hans-Georgs Witz war immer noch da, doch der war schärfer geworden, gnadenloser, ungeduldig. Auch, weil er nur noch denken und sprechen, aber nichts mehr schreiben konnte, die Hand steif, das Auge blind, es blieb nur Fernseher hören, rauchen, trinken, in die Plastikente pissen, ungeduldig sein. Und müde werden.)

Ich sagte ihm, ich hätte versprochen, heute in Familie zu machen. Morgen ja. Da könnte ich. Aber heute nein. Hans-Georg sagte mir, morgen, da wäre er tot.

(Er hätte keine Lust mehr, hatte er bei einem späteren Besuch gesagt. Und dann hatte er aufgehört zu essen, verweigerte, egal, wie lecker das auch sein mochte, was Eckart ihm kochte. Stattdessen trank er Prosecco, rauchte eine Pall Mall und viele Joints, gegen die Schmerzen, er wollte auch nicht mehr erklären. Weil ich ihn nur noch selten besuchte, sah ich die Veränderungen besonders deutlich und nahm sie doch umso weniger wahr. Meine Familie und ich lebten damals schon seit einigen Jahren am Stadtrand, Kinder brauchen Grün.)

Lass uns morgen telefonieren, sagte ich. Gut, sagte er. Und legte auf. Am nächsten Vormittag rief ich an und Eckart erzählte mir, dass Hans-Georg wohl irgendwann am frühen Morgen gestorben wäre. Er sähe so gelassen aus wie seit Jahren nicht.

(Ich vermisse ihn. Seit Jahren.)

Ich musste an den alten Witz denken, bei dem die Schwester zum Arzt sagt, der Hypochonder von Zimmer 14 wäre in der Nacht gestorben. Da sagt der Arzt: Jetzt übertreibt er aber. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass Hans-Georg ihn mir irgendwann erzählt hat.


*Angeregt und eingeladen von Christine Frohmann, habe ich diese Geschichte für ihre eBook-Textversammlung "1000 Tode schreiben" verfasst, die im Übrigen hier näher beschrieben wird.
Bitte kaufen: Wo sonst gibt es soviel Tod für nur 4,99?

Abschied von der Neuen Präpositionalen Küche

Leser. Lasst uns verspätet Abschied nehmen vom Meisterkoch Albert Bouley, der bereits im April 2013 verstorben ist und dennoch immer unvergessen sein wird als der Koch, der schwäbische Küche und die Leichtigkeit der französchen Nouvelle Cuisine auf unvergessene Weise zu neuer Raffinesse verband, ja, vereinigte.

Doch wollen wir heute nicht seiner Küche als vielmehr seiner Methode ihrer Beschreibung gedenken, die sich mit unerhörten Kombinationen von Attributen und Konjunktionen in unsere Hirne schlich – derart nachhaltig, dass heute manches ganz banale Rezept durch eine fast unanständige Orgie von Präpositionen zu wenn nicht Höherem, so allerwenigstens zu Höherpreisigem sich aufschwingt.

Nun fragt Ihr mit Recht, Leser, was mag ich wohl meinen? Der Antworten sind einige, und deren jede wiederum braucht nur zwei, drei Buchstaben:
An, auf, von sind die berühmtesten. Ich will das erklären.

Nehmt nur die weihnachtliche Entenbrust mit Orangensoße, reicht dazu auch Rotkohl in Blätterteig.
Mag sein, das Wasser läuft dem Gourmet schon jetzt im Mund zusammen, doch steigert sich die Vorfreude zum Sturzbach aus Speichel, wenn wir stattdessen sagen:
Entenbrust an Orangensauce, dazu Rotkraut auf einem Bett von Blätterteig
...an...auf...von... perlt es von der Speisekarte, die übrigen Zutaten sind schon ganz egal, und ist am Ende noch vom Bett die Rede, freut sich der ganz und gar entmenschte Appetit gleich auf oral dem Gaumen zugefügte Orgien, ja Orgasmen des Geschmacks.
Doch ach, verkommen längst sind die einst so verführerischen Einsilber, gesunken, ja gefallen sind sie und dienen heute auch dem übelsten Kellenschwenker als allseitig verfügbare Huren, Vetteln  und Schlampen, die libidinös zwar noch klingen, doch das Aroma von Frittenfett, den Gestank des faulig sich nahenden Todes, kaum mehr zu bedecken vermögen.
So las ich jüngst in einer kulinarisch gemeinten Kritik eines griechischen Restaurants:
Fleisch an Fleisch auf einem Bett aus Fleisch
Zwar war ich geneigt, diese Schlagzeile als Parodie zu würdigen, doch andererseits machte sie mir auch den Ennui deutlich, der mir an solchen Beschreibungen auf Speisekarten von mediokren Restaurationsbetrieben erwachsen ist.
Will sagen, ich sehne mich nach einer neuen Entdeckung des ganz Einfachen. Konzentriert Euch auf das, was Ihr könnt, liebe Köche. Kocht raffiniert, meinethalben. Aber formuliert einfach. Und erspart uns Essern die ewigen Variationen von Intermezzi auf Betten von Plattüden.

Denn das ist, seien wir ehrlich, Quatsch mit Soße.
Oder, wie Boley selig geschrieben hätte, wenn er nicht tot wäre:
Quatsch an Sauce.