Meine kleine Geschichte der Nassrasur

(Klären wir zuerst mal überflüssige Kalauer, um im weiteren Verlauf nicht mehr daran denken zu müssen: Tatsächlich finden sich in meinem Bekanntenkreis die Eheleute Birgit und Holger Nass, und tatsächlich ist Birgits Mutter sogar Friseurin, allerdings haben alle drei mit der folgenden Geschichte nichts, rein gar nichts zu tun. Nach einem kleinen schmutzigen Lächeln also nun zur Sache:)

Schmerzhafter Einschnitt
Ich war wohl etwa vier oder fünf Jahre alt, als mein Vater, wie regelmäßig auch zuvor und danach, mich zum Herrenfrisör*Karl Vollmer mitnahm, wo ich meinen Mecki** und mein Vater seinen Fassonschnitt bekam. Naturgemäß waren meine Haare schneller geschoren als die meines Vater geschnitten und ich langweilte mich noch ein paar Minuten auf dem Stuhl neben dem Eingang. Neben mir auf der niedrigen Fensterbank lag ein merkwürdig langes Taschenmesser herum, dessen Klinge sich mühelos ausklappen ließ. Ebenso mühelos auch glitt sie in die Kuppe meines Daumens, den ich neugierig hatte darüber streichen lassen.
Vielleicht hätte ich es wissen können. Schließlich hatte ich schon oft und immer fasziniert zugesehen, wie Karl Vollmer das Rasiermesser am Lederriemen schärfte, um dann mit gezielten Schwüngen den Schaum aus dem Gesicht seines Kunden zu wischen. Und hinterher war die Bartstoppeln weg – egal, jetzt wusste ich es, und ich begann erst zu bluten und dann zu weinen. Dafür bekam ich ein dickes Pflaster und eine Ohrfeige. Sie war schmerzhafter als der Schnitt, der Schmerz allerdings flaute schnell ab, während der Daumen einige Tage brauchte um abzuheilen.
Zu Hause wurde nicht nass rasiert. Mein Vater hatte einen knubbeligen Remington auf dem Waschtisch liegen, später einen Braun. Und die Mode der rasierten Damenwaden war bei uns auf dem Lande noch nicht angekommen. Bis zum ersten eigenen Bartwuchs verfolgte ich also die Weiterentwicklung der Nassrasurtechnologie hin zur Wechselklinge nur in den Werbepausen des ARD Vorabendprogramms***, wo sich ab und zu unter metallisch schleifendem Geräusch zwei Schwerter zum Logo der Firma Wilkinson Sword kreuzten. Eine andere beworbene Marke – die übrigens heute zu Wilkinson gehört – warb später damit, dass die Klinge besonders leicht auszutauschen wäre – dennoch hatte der Name Schick Injector für mich weiterhin einen deutlich medizinischen Beiklang. Der Name Gilette sagte mir gar nichts.

Nullwachstum

Zu meinem großen Bedauern setzte mein Bartwuchs erst recht spät ein. Mein Vater meinte zwar, ich solle doch froh sein, mich noch nicht jeden Tag mit dem Rasierer rumärgern zu müssen, doch ging es natürlich weniger um den Bartwuchs als um das, was er symbolisierte, wofür er stand. Während andere aus meiner Klasse bereits sorgfältig gehegte Einzelhaare, ja teils gar Büschel im Gesicht trugen, sang ich noch Sopran im Schulchor. Als die sich schon regelmäßig alle paar Tage rasierten, kriegte ich den ersten Flaum am Sack. Und im Jahr der Klassenfahrt, als Wolfgang H. und Birgit E. im Jugendherbergsbett über mir miteinander bumsten****, wurde ich beim Oberstufenball von einem mir interessant erscheinenden Mädchen mit den Worten weggeschickt, ich hätte mich wohl geirrt, dies wäre nicht der Unterstufenball.

Kleben zu zweit
Kaum drei Jahre später war es so weit. Ich studierte bereits in Hamburg und ließ mir überglücklich – endlich – eine Art Bart wachsen, der allerdings, wie sich bald zeigen sollte, erstens struppig-borstig war, zweitens dank diverser Wirbel in verschiedenste Richtungen spross und das drittens in einem merkwürdige Rotorange. Richtig fies. So fies, dass ich mir einen Nassrasierer zulegte, einen Gillette G2 Tandem mit zwei Klingen. Die Werbung hatte mich überzeugt:
So glatt, so gründlich, / so gründlich, so glatt, / weil der G2 zwei Schneiden hat.
Der G2 Tandem / so gründlich, so glatt, / weil der G2 zwei Schneiden hat.
In Wahrheit rasierte das Ding so dermaßen gründlich, dass ich die Schnittwündchen in meinem Gesicht nach jeder Rasur mit kleinen Toilettenpapierstückchen bekleben musste, was mir das Aussehen eines menschlichen Fliegenpilzes verlieh und es unmöglich machte, vor Ablauf von etwa 30 Minuten (Trockenzeit) auf die Straße zu treten.

Schläft ein Lied
Nach dem Studium arbeitete ich in einer Werbeagentur – pikanterweise für Philips Trockenrasierer – und las in einer Werbefachzeitschrift, der neue internationale Claim von Gillette laute auf Englisch:
Gillette. The best a man can get.
Ich stelle mir auch heute noch manchmal vor, wie der zuständige deutsche Werbetexter diesen Satz unter vielen Seufzern und Wutschreien in singbare Form gebracht hat – Inhalt war offenbar nicht gefordert:
Du siehst gut aus, / man sieht’s Dir an, / Du hast es weit gebra-hacht. //
Und wir geben Dir, / was Dich erfolgreich ma-ha-hacht. //
Vom Vater zum Sohn, / so war es immer scho-o-on: //
Gillette! Für das Be-heste im Mann!

Der neue Jingle******* jedenfalls überzeugte genauso wenig wie die weiteren marginalen Verbesserungen am Zweiklingenrasierer.
Ob das Ding nun plötzlich Sensor Excel hieß oder einen LubraStrip bekam.
Die federnd gelagerten, einzeln aufgehängten Klingen ließen mich weiter bluten, und der Seifenstreifen darüber war meist schon nach dem ersten Duschen aufgeweicht und weg. Mangels Alternativen blieb ich dennoch bei Gillette. Wiederholte schmerzhafte Selbstversuche hatten bewiesen, dass die anderen auch nicht besser waren. Zumal der Klingenhalter selbst mich ja an die Marke band. Andere Marken waren nicht kompatibel.

Aller guten Klingen
Ende des 20. Jahrhunderts, endlich, war es soweit. Gillette brachte den Mach3 auf den Markt. Drei Klingen drängten sich nun in der Halterung und auf den Rasierermarkt. Der Klingenhalter war wie üblich konkurrenzlos günstig, ich kaufte und war glattweg überzeugt. Seither kaufe ich die teuren Mach3-Klingen, wobie ich zugebe, bei dem Preis würde ich sie lieber klauen. Und weil das vielen so geht, gibt’s die Klinge in Supermarkten auch nur direkt an der Kasse...

Bietet jemand mehr?
Als ich mich fragte, ob die Klingenzahl noch zu steigern wäre, gab mir Wilkinson Sword sogleich die Antwort mit einem Rasierer, der war laut Werbung so scharf, dass er hinter Gittern muss. Hab ich auch gleich nicht gekauft. Ist doch eklig, die kleinen klebrigen Bratstoppeln, die da hinter den Schutzdrähten klemmen und mit Hochdruckwasserstrahlen entfernt werden müssen, solange sie feucht sind. Erst mal angetrocknet, bilden sich hier unter Umständen Erreger übler Hautkrankheiten.

Gillette konterte mit einem Mach3-Modell mit eingebautem Vibrator, das mir übrigens meine Frau geschenkt hat. Es wirkt. Wobei: Muss ich das jetzt nicht hat bald wieder Elektrorasierer nennen? Bzw, ist der neue Braun******, den ich unter Dusche abspülen und auch mit Schaum benutzen kann, vielleicht schon ein Nassrasierer?

Inzwischen jedoch, gegen Ende des Sommers 2006 stehe ich wieder vor der Frage, ob ich mich noch mal steigern soll: Gillette hat den Fusion auf den Markt gebracht. Mit sageundschreibe fünf Klingen und einem Langhaarschneider auf der Oberseite.
Ich denke, nein. Ich bin jetzt 48 und da sollte man nicht mehr ständig was Neues ausprobieren müssen wollen. Vor einem Modell Kubik mit 2 hoch 3 = 8 Klingen fang ich gar nicht erst an, über einen Klingenwechsel nachzudenken...


*Damals, Anfang der 60er Jahre schrieb man noch „Herrenfrisör“, während der für Damen bereits eleganter und der „Friseur“ war.
**Heute fast vergessene Bezeichnung eines recht radikalen Kurzhaarschnitts, ausgeführt mit einer Art Rasierapparat, der über ein langes, in der Art von Duschschläuchen mit einer Metallschnecke ummanteltes Kabel mit Strom versorgt wurde, an dem der Rasierer übrigens auch von der Decke hing. Die Bezeichnung „Mecki“ dürfte von der HörZu-Werbefigur herrühren, einem Igel gleichen Namens.
***Mir ist bewusst, dass sich manche noch an die Zeit vorm Privatfernsehen erinnern, die nun auch schon über 20 Jahre her ist. Aber es gab sogar eine Zeit vorm Werbefernsehen, ja sogar eine Zeit vorm ZDF...
**** vulgo: poppen

*****Jahre später hab ich mit einem Freund auf die vorhandene Melodie einen leicht variierten Text gesungen, für den wir bei Stadtteilfesten und ähnlichen Veranstaltungen viel Gelächter ernteten:
Du siehst gut aus,/ man macht Dich an, / Dir wird es leicht gema-hacht. //
Und wir geben Dir, / was Dich ganz sicher ma-ha-hacht. // Vom Vater zum Sohn, so war es immer scho-o-on: //
Kondom, für das Fe-heste am Mann!
******Eigentlich egal: Braun gehört Gilette, und Gilette gehört Procter und Gamble.

(Für noch weiter gehende Informationen auch zu den einzelnen Marken und ihren z.T. immer wahnsinniger werdenden Produkten benutzen sie bitte die Links. Und Danke fürs Durchhalten.)

1 Kommentar:

Schorsch Schlonzel hat gesagt…

Stimmt eigentlich, was ich vor einiger Zeit las, dass nämlich Mozart eines seiner berühmtesten Stücke eigentlich "Eine kleine Nassrasur" nennen wollte, von seiner Base aber davon überzeugt werden konnte, es in "Nachtmusik" umzubenennen?