Ich und die deutsche Literatur

Beim Mich-Googeln bin ich wieder einmal auf die folgende etwas seltsame Ballade von Gustav Falke (1853-1916) gestoßen:

Thies und Ose

In Wenningstedt bei Karten und Korn
erschlug einst ein Bauer in jähem Zorn
seinen Gast. Thies Thießen war stark,
und der Hansen ein Stänker um jeden Quark.

Nun lag er bleich und im Blut auf dem Stroh.
Aber wo war Thies Thießen? Wo?
Sie suchten ihn und fanden ihn nicht,
und der Galgen machte ein langes Gesicht.

Ose, des Mörders Weib, kam in Not.
Vier Kinder wollten von ihr Brot.
Ihr Kram ging zurück. Stück für Stück
ward verkauft, und sie suchte bei Fremden ihr Glück.

Doch stand sie in Ehren bei jedermann
und tat ihnen Leid. Die Zeit verrann,
und Thies Thießen war und blieb
weg, als wäre die Welt ein Sieb.

So wurden es Jahre. Auf einmal fing's
zu tuscheln an, bis nach Rantum ging's:
Habt ihr gesehn? Schon lange. Nanu!
Meint ihr? Und sie nickten sich zu.

Sie war doch sonst ein ehrlich Weib,
nun schreit ihre Schande, das Kind im Leib.
Mit wem sie's wohl hält? Das Mannsvolk ist toll!
– Das war ein Geschwätz, alle Stuben voll.

Die fromme Ose ertrug es in Scham,
kein Wort über ihre Lippen kam.
Nur einem fraß es am Herzen und fraß,
bis ihm der Schmerz in den Fäusten saß.

Und eh sich's die Lästermäuler versahn,
stand er auf: Ich hab's getan!
Und standen alle und glotzten sehr:
Thies Thießen? Gott sei bei uns! Woher?

Nicht verrat ich das Dünenloch,
und ihr findet es nimmer. Sie aber fand's doch.
Und geht's um den Hals, das Kind ist mein.
Und verdammt, wer's nicht glaubt! Ich bläu's ihm ein.

Und er sah elend aus und schwach,
und er hielt sie wie ein Gespenst in Schach,
bis ihnen allen allmählich klar,
dass der da wirklich Thies Thießen war. –

Der Hansen war tot, von keinem vermisst,
ein Säufer war er und schlechter Christ.
Aber der Thießen, ein Kerl ist er doch!
Und die Ose, gibt's eine Bravere noch?

Alle die Jahre in Elend und Not
teilte sie ihr Hungerbrot
treulich ihm mit. Und jetzt weinte sie da
an seinem Hals. Es ging allen nah.

Sie kauten und spuckten und sahen sich an
und schoben sich sacht an Thießen heran
und brummten und schüttelten ihm die Hand.
Das war ihr Gericht. Und so blieb er im Land.

Im erfolgreichsten Roman des Dithmarscher Pastors (und späteren Nazifans) Gustav Frenssen (1863-1945), dem Jörn Uhl, findet sich ein Thies Thiessen als einigermaßen lebensunfähiger Verwandter des Titelhelden.

Und schließlich in Christoph Ransmayrs Die letzte Welt (1988) ein depressiver Friese namens Thies auf: "Ransmayr" schreibt Rosa Schmidt bei Chili.cc, "verwebt die Suche" nach den Metamorphosen des Ovid "mit dem Inhalt derselben und setzt die Handlung in einen menschenfeindlichen Raum zwischen Gegenwart und Antike. Aus Echo wird eine Art Prostituierte und der Gott der Unterwelt ist der deutsche Totengräber Thies, dem die Lagerhalle mit den Giftgas-Leichen nicht aus dem Kopf will."

Ich habe Herrn Ransmayr bei der Frankfurter Buchmesse 1985 getroffen, also etwa zu der Zeit, als "Die letzte Welt" in Arbeit war. Genauer, ich saß mit am Tisch, als er mit einem guten Freund von mir eine Tasse Kaffee trank. Und ich wurde Herrn Ransmayr als Thies Thiessen aus Dithmarschen vorgestellt. Ich weiß heute nicht mehr, ob ich selber auch noch was (und was überhaupt) außer "Guten Tag" gesagt habe, aber ich will mir gern einbilden, dass zumindest mein Name und die offenbar etwas verhörte Herkunftsangabe eine Inspiration war: Thies, ein Friese mit Sorgen.

Und was lernen wir aus all dem? Wenn in der deutschen Literatur ein Thies aufkreuzt, kommt der aus Norddeutschland und es gibt Probleme.

Mal sehen. Ich arbeite da schon seit längerem an einem Roman...

Kommentare:

Stefan hat gesagt…

Hm ... und wo wir schon bei dem Thema sind: Hieß Dein Papa auch Thies Thiessen? Wie kamen Deine Eltern darauf, Dich so zu nennen? Nach dem Duden ist Thies die Kurzform von Matthias und laut dieser Seite ist er von 27754 Vornamen der 3259-beliebteste Vorname.

Thies hat gesagt…

@stefan: Nein, mein Vater heißt Vitter, un ich weiß nur noch einen weiteren mit dem Vornamen und der ist ein Cousin von mir, der nach meinem Vater benannt wurde. Soviel dazu.
Nun zu der Frage, die ich seit Jahrzehnten immer wieder höre und: Thies heiße ich zur Erinnerung an den sehr früh verstorbenen jüngeren Bruder meiner Mutter der eben auch Thies hieß.
Also das übliche: Traditionen und Sentimantalitäten.

Aber hey: 3259ster? Nicht schlecht was?

Stefan hat gesagt…

Also 3259ster ist beliebtheitsmäßig (Autsch! schönes Wort, dass ich da gebastelt habe: Stefan - der quält die worte) bei 12%. Das ist fast unter den prozentualen Top10!

Aber ich finde es schön, dass wir das mal geklärt haben. (Ich gehe mal nicht davon aus, dass Du das letzte Mal darauf angesprochen wurdest;) )