"Er hat gern gelebt."

Himmelfahrt in Wien: Postmortale Lesung aus HGBs Büchern.
Wir lernten uns im Sommer 1984 kennen, kurz, nachdem ich nach Hamburg-Winterhude gezogen war. Ich saß auf einer Bank am Schinkelplatz und zeichnete die gegenüberliegenden Häuser ab, unter der Eiche in der Mitte des Platzes lungerten ein vollbärtiger Endvierziger und zwei jüngere Typen herum. Einer von den beiden kam zu mir herüber und stellte mir die Frage aller Fragen: „Zeichnest Du?“ und dann das unvermeidliche „Machst Du das beruflich?“ und bevor ich angemessen antworten konnte, brüllte der Bärtige von der Eiche zu uns herüber: „Frag den Herrn Künstler recht viel. Das haben sie gern, die Künstler!“

Zum ersten und einzigen Mal versuchte ich seinen österreichischen Akzent zu imitieren, als ich ihm antwortete, dass mich das, im Gegenteil, eher stören würde, denn ja! Ich wollte zeichnen!

Am gleichen Abend saß ich bei Hans-Georg Behr am Küchentisch, der sich unter Kristallglas und großen Bestecken bog und aß irgendwas, was ich noch nie gegessen hatte und was unglaublich lecker schmeckte. Während wir aßen und dann Schnaps tranken und Zeug rauchten und wieder tranken, erzählte  er von sich. Davon, dass er Schriftsteller wäre. Und Journalist. Und dass er jetzt am Schinkelplatz mit der von ihm initiierten „Winterhuder Shakespeare Company“  Büchners „Leonce und Lena“ inszenieren würde. Und dass ich unbedingt das Flugblatt dafür zeichnen müsse. Und dass er einen Prozess wegen geistigen Mitbesitzes von soundsoviel Gramm Marihuana am Hals hätte. Und wie sehr er seinen damaligen Geliebten Simon lieben würde. Und. Und. Und mir schwirrte der Kopf, auch wegen der Joints, die die Runde machten.

In den folgenden 25 Jahren machte er so weiter. Er lebte und liebte und brüllte und charmierte und inszenierte alles vollkommen öffentlich, ob es um seine Herkunft aus österreichischem Adel ging oder seine Texte für das Kursbuch, ob er bei RTL auf dem „Heißen Stuhl“ für die Legalisierung des Kiffens stritt oder in einer Kneipe mit einem rassistischen Dumpfmuff, der versuchte, ihn mit „Der Wiener“ zu beleidigen. Jeder Anfang einer Beziehung war der schönste aller Zeiten und die begeisterten Elogen auf den Jeweiligen nervten jeden Zuhörer irgendwann genauso wie die Tiraden, wenn’s denn, manchmal auch erst nach Jahren, wieder aus war.

Doch tatsächlich war er ein hervorragender Schreiber, ein unglaublich neugieriges Trüffelschwein,  auf der Suche nach Geschichten und neuen Rezepten, zu denen er uns dann einlud, ob wir nun wollten oder nicht. Viele hatten das irgendwann satt. Und manche kamen wieder. In einer melanchlischen Stimmung saget er einmal zu mir, letzten Endes wäre er doch nur ein guter Plauderer. Ansonsten hätte er nichts Vernünftiges gelernt, was stimmt, wenn Vernünftig heißt: Geld verdienen und reich bleiben. Wenn er welches hatte, lud er so lange ein, bis nichts mehr da war.

Hans-Georg Behr vor ungefähr 70 Jahren

Die Hypochondrie: Manchmal hatte er Knochenkrebs, dann war die Warze am Finger eine Melanom, der Verdauungstrakt gefährdete ihn ebenso wie das Herz. Und während sich bei all den abenteuerlichen Erzählungen aus Hans-Georgs Leben immer irgendwann zeigte, dass sie eben doch stimmten, glaubte ihm kaum einer seine Wehwehchen. Ich auch nicht.
Nicht mal seinen Schlaganfall vor dreieinhalb Jahren mochte ich richtig ernstnehmen, bevor ich ihn im Krankenhaus St. Georg besuchte. Danach lebte er weiter in seiner Wohnung, in seinem elektrisch verstellbaren Bett, hielt weiter Hof, lud zum Essen ein, rauchte einen Joint nach dem anderen, schwadronierte und dozierte und verkündete manchmal, eigentlich keine Lust mehr zu haben.

Hans-Georg Behr, müde, vor einigen Wochen

Im Frühjahr 2010 heirateten er und Eckard, der seit bald 35 Jahren mit ihm die Wohnung geteilt hat. Natürlich gab’s eine Party.  
Und vor einigen Wochen hörte er auf, zu essen. Er wolle nun wirklich nicht mehr, sagte er. Ich hab’s ihm nicht geglaubt.

Gestern, am 8. Juli 2010 ist Hans-Georg Behr mit 73 Jahren gestorben. In seiner Todesanzeige lässt er ausrichten, er habe gern gelebt, und, dass er sich Trauerkleidung verbittet. Er war, wenn ich mich nicht verrechne, der längstjährige meiner in Hamburg lebenden Freunde.
Ich werde ihn vermissen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

So war er. Vielen Dank für alles. Jan

Thomas hat gesagt…

Ich lernte HG Ende der 80er in Kathmandu kennen und schätzen. Wie charmant er immer wieder (mit Erfolg) versuchte, köstlichste Leckereien mit der Company-Mail der LH/Condor durch den Zoll auf den heimischen Tisch zu schmuggeln, um uns abends zu bewirten. Ein feiner, trink- und rauchfester Kerl!!!

Anonym hat gesagt…

ich lernte hans georg ca. 1981 kennen, als er in der buchhandlung vrage im univiertel das schaufenster dekorierte.
es galt, fuer sein neues werk "von hanf ist die rede" zu werben.
das thema interessierte mich, ich erwarb das buch - und sass auch noch am selben abend an seinem kuechentisch.
unser kontakt dauerte bis mitte der 80er, dann trennten sich unsere wege aus verschiedenen gruenden.
ich erlebte aeusserst inspirierte abende bei ihm; lernte unter anderem leidlich bekannte zeitgenossen wie henning venske, peggy parnass oder martin luettge kennen, aber auch viele interessante menschen, die nicht im oeffentlichen leben stehen.
fuer einen jungen provinler wie mich damals war das die ganz grosse welt dort am schinkelplatz in winterhude.
oft habe ich spaeter daran gedacht, wieder kontakt aufzunehemen, es aufgeschoben, nun ist es zu spaet.
dann muessen wir wohl anderenorts mal wieder eine weinschorle zusammen trinken...

Anonym hat gesagt…

bin ein fan von IHM, seit kindheit an,
jetzt habe ich mal sein richtiges geburtsjahr recherchiert, es war 1941 oder 42.

Thies Thiessen hat gesagt…

Lieber "Anonym. Ich hoffe, du weißt, dass dein Kommentar nur ausnahmsweise veröffentlicht wurde – immerhin bezieht er sich auf den Inhalt und will kein Viagra oder sonstwas verkaufen.

Ergänzend würde mich jedoch interessieren,wo du das Geburtsjahr 1941/42 recherchiert hast. Ich kannte ihn (und auch seine gern dahergeplauderten Phantasien) recht gut und denke dennoch, dass "Fast eine Kindheit" durchaus authentisch ist, wenn es erzählt, dass "das Kind" bei Kriegsende etwa sieben Jahre lat war. Wäre er erst drei gewesen, dürfte ihm vieles entgangen sein. Also, deck Deine Quellen auf – und bei der Gelegenheit auch dine Identität. ;-)

Anonym hat gesagt…

hast du eine e mailadresse?
hier auf deinem blog?

ginger.mai@hotmail.com hat gesagt…

und bei der Gelegenheit auch deine Identität. ;-)

ginger.mai@hotmail.com

Thies Thiessen hat gesagt…

Muss man aber ein wenig recherchieren: Guckstu auf meinen Jobblog, dermachtdieworte.de, der von hier verlinkt ist und da ins Impressum.
Gruss, Thies.

Ginger Mai hat gesagt…

ich finde dein impressum nicht, -
...heute hatte ich plötzlich den namen einer person im gedächtnis, die mir die frage nach dem geburtsjahr dahingehend beantworten konnte, so, dass sie auch mit meiner persönlichen erinnerung übereinstimmt.
du kannst ja in hamburg an der "alten" adresse nachfragen.
vermutlich ist grad "jahrestag", dh. dieser tage vor 4 Jahren hat ER sich sozusagen "verabschiedet".