Graphic Design ain't dead.

Vor ca. 30 Jahren war das Sterben der Schriftsetzer in vollem Gange. Bleisatz hatte sich längst aus den Büchern verabschiedet, und die Licht- und Photosetzer begannen allmählich zu ahnen, dass da was auf sie zukam, das sie in ebenfalls in den Untergang reißen würde –  während ich und nach mir noch viele sich daran übten, Schriften zu zeichnen, Buchstabenabstände harmonisch auszugleichen, Farben festzulegen und exakt zu definieren, zu scribbeln, zu zeichnen, zu layouten und schließlich für den Druck vorzubereiten. All das fand, wohlgemerkt, auf Papier statt, nicht auf dem Monitor.
Auch Bildretusche wurde altmodisch von ausgebildeten Lithographen durchgeführt, die oft tatsächlich noch malen konnten und sogar Ahnung von Perspektive und Anatomie hatten: Ich erinnere mich an einen Besuch bei der Albert Bauer KG, wo ein älterer Herr gerade eine Swimmingpoolschönheit auf dem Tisch liegen hatte, deren Hüften der Agentur McCann-Erickson zu breit erschienen, um für Coke light am Pool herumliegen zu dürfen.
Heute gibt es für all das Photoshop und Indesign und alle anderen Adobe-Werkzeuge, die allesamt unglaublich viel an Effekten und Schnickschnackerein liefern – die ein guter Grafik Designer eben nicht braucht und schon gar nicht alle auf einmal. Bzw. diese Programme brauchen kein Grafik Design mehr.
Selbst Amateure können damit (und zur Abrundung mit Microsoft Office, Corel Draw und weiterem Kram) Sachen machen – und wenn sie Glück haben, werden sie sogar dafür bezahlt. Wenn ich auch nicht genau weiß, wofür – sobald jedenfalls ich auf diese Packung Nestlé Erdbeer Minis gucke, bei der ich auf den ersten Blick nicht einmal glauben möchte, dass das hier die Vorderseite ist.
Ist sie aber. Etwa auf halber Höhe ist noch eine Schale erahnbar, in die die Erdbeercerealien reingeschüttet werden, aber eben die wird dann zerschmettert von einer großartigen Promotion, die mir empfiehlt, ich sollte Punkte sammeln.
Ist schon das Gesamtbild wirr und fürchterlich, erschließt sich das ganze Grauen erst beim Blick auf die Details.
Hier zum Beispiel: Wozu eine eigens angefressene, zerkratzte Schrift für eine kleine Unterzeile? So eine Schrift gehört groß oder gar nicht.
Nicht schön auch diese gebogene Zeile, die der Form im Hintergrund nicht mal annähernd folgen mag – genau hier hätte man toll photoshoppen können. Die Mischung von Versalien und Gemischten hat natürlich den Sinn, etwas zu betonen – was bei dermaßen vielen Versalzeilen und Ausrufungszeichen und Buntfarben nicht so einfach ist. Mach alles laut und du kriegst weißes Rauschen...
Eine gerissene Kante erklärt, was gemeint ist: die Packung ist sozusagen aufgerissen und dahinter verbirgt sich die Super-Promotion. Schade, dass es die Marke gleich mit zerreisst.
Der rote Rahmen verwandelt sich in eine Art Wirbel, der Erdbeerpulver streut. Überzeugend retuschiert. Und ohne jede Ahnung von Perspektive, Lichtführung und ähnlich überflüssigem Zeugs.
Dieser weiße Fleck ist ein Milchspritzer – weswegen hat er dann links eine eckige Kante?Gefrorene Milch? Oder doch Gips?
Ach, guck! Sternchen! Die hab ich ja erst gar nicht gesehen! Wie süüüß! Und wie originell!
Und dieser Punkt? Um den geht es nämlich: das neue Nestlé-Vollkorn-Cerealien-Symbol soll mit der Promotion penetriert werden. Und tatsächlich: Es taucht an die 15mal auf der Packung auf. Das schaffe ich nicht mal in diesem langen Beitrag.

15 mal! Très penetrant. 

(Was bin ich froh, heute Texter zu sein.)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ach, Vorderseite, Rückseite … das fällt doch beim erfolgreich hingeschusseltem Crossmarketing nicht weiter in’s Gewicht: DREI Promotionspartner (Jako-o, Venice Beach und … irgendeinen Tassenhersteller) auf einer Packung unterzubringen ist schon wirklich schwierig.

Es ist mir übrigens tatsächlich schon passiert, dass ich im Supermarkt eine Nestlé-Frühstücksflockenpackung umgedreht habe, um zu sehen, wie die Vorderseite aussieht — und auf eine zweite (übrigens deutlich ruhiger gestaltete) Rückseite blickte.

Das Einzige, was mir auf der hier dargestellten Vorderseite noch fehlt, ist ein Tierchen, welches mit verschmitztem Blick mit einem Löffel in der Hand auf die Essbarkeit des Produkts hinweist.
Das hätte man doch auch noch irgendwie dort in das Gewusel quetschen können, ohne dass es unangenehm auffällt. Meinetwegen auch in Erdbeer-Rot.

viele Grüße vom Vorderseiten-Tierchenmaler
Monsieur Porneaux.

Thies hat gesagt…

@ M. Porneaux:
"Das Einzige, was mir auf der hier dargestellten Vorderseite noch fehlt, ist ein Tierchen, welches mit verschmitztem Blick mit einem Löffel in der Hand auf die Essbarkeit des Produkts hinweist. "
Und Du würdest es zeichnen wollen, was? Dann will ich aber – bei der Packung – einen Anteil der Vergütung als so zu sagen ästhetisch verargumentierbares Schmerzensgeld. Oder so.

Etosha hat gesagt…

Richtig Gutes leisten sich doch heute die wenigsten Firmen. Wer braucht schon einen Schriftzug, der wirklich einer Form getreulich folgt, wenn der Neffe das im Corel auch halbwegs kann? Wer bezahlt denn das?

Genauso, wie man heute kaum noch irgendwo einen Werbe- oder Aussendungstext liest, der wenigstens halbwegs fehlerfrei wäre. Wozu einen engagieren, der richtig gute Texte schreibt? Für all die Idioten da draußen? Oder damit die Kinder womöglich beim Lesen der Verpackung was lernen? Man hat doch keinen Bildungsauftrag! Jemanden, der den Schrott wenigstens korrekturliest, braucht man konsequenterweise schon gar nicht.

Manche Schilder-Anfertigungen etwa gehen sicher an 50 Paar Augen vorbei, bevor sie fertiggestellt sind, und dann steht da "Videdo-Verleih" oder "Preise wie selten wo".

Mittelmaß ist doch für den Durchschnittsbürger vollkommen ausreichend. Mehr braucht man nicht. Wir täten gut daran, unsere Ansprüche zurückzuschrauben, und uns dem Mittelmaß anzupassen. Lebt sich sicher leichter so.

"Alle machen alles selbst." Grafikdesign: Neffe, Texte: Schwiegertochter, Website: Sohn, (Student).

Ich fände es daher nur gerecht, wenn solche Firmen ihre Produkte auch selbst kaufen müssten.