In eigener Sache: Keine Lust auf lustig

"Thies ist sehr rege und strebsam, zuweilen stört sein vorlautes Verhalten."

Dieser sorgfältig formulierte Satz findet sich, von Hand geschrieben, in meinen Zeugnisheft der Grundschule, gleich im zweiten Schuljahr unter dem Punkt "Verhalten im Unterricht".
Ich kann mich, auch ohne nachzuschlagen, so gut an den Wortlaut erinnern, weil meine Eltern es sich fast bis zu meinem Abitur nicht nehmen ließen, diesen Satz in jedem nur denkbaren Zusammanhang zu zitieren.

Wobei sie im Laufe der Jahre immer weniger Recht hatten, zumindest, was seine Mitte angeht.
Die Strebsamkeit nahm auch pubertätsbedingt, kontinuierlich ab, die Vorlautstärke blieb und gewann ganz neue Qualitäten, weil ich rege und in Übung blieb.
Wer mir dumm kam, musste mit schnellen, schlauen Kontern rechnen.
Wer mir schlau kam, mit möglichweise immer noch einem Draufsatz.
Dass ich nur selten Einsindiefresse kassierte, war das nur dem Umstand zu verdanken, dass ich vergleichsweise klein und Brillenträger war – solche wurden nicht gehauen.

Jahrelang lief ich mit der Devise herum und verkündete sie ungefragt, dass ich eher auf einen guten Freund verzichten könnte als auf ein Bonmot.

(Es ist an sich nur konsequent, dass ich Werbetexter geworden bin. Da werde ich auch für mein vorlautes Verhalten bezahlt. Wäre ich jünger, wäre ich wahrscheinlich Comedian – wobei diese Spezies ja mit großer Strebsamkeit über Jahre immer die gleiche Rolle anzieht und kultiviert, seien das nun die Dick aus dem Asiviertel, der Mantaproll, der Berufsbalina oder Halloerstmal. Das wäre also auch nix. Genug abgeschwiffen.)

Will sagen, bei Gelegenheit bin ich auch heute noch frech und vorlaut.
Aber nicht bei jeder: Ich habe nämlich immer weniger Lust dazu, und spätestens bei Facebook verkneif ich mir vieles – obwohl doch die Kommentarfunktion danach schreit, hell und originell zu sein, dem blöden Post (und darüber dem Postenden) beiläufig und mit schramanter Schärfe eins beizupuhlen. Wenn's nur nicht so mühsam wäre, die dann folgenden Kommentare und Gefälltmirs abzuhaken und womöglich noch mal witzig zu sein.
Das mag daran liegen, dass da so viele Leute so witzig sind. Und noch mehr sich dafür halten. Dass es so viele Pöbler gibt. Und Aufgeregte, Engagierte, Katzenbildplatzierer, Spanienhunderetter und Überhauptallesteiler.
An Euch alle also die Bitte, mir nicht böse zu sein, wenn's manchmal nur zu einem "Gefällt mir" langt. Nehmt es nicht persönlich, wenn ich grad nicht originell bin.
Dann ist mir wohl grad nicht danach.

Mal ehrlich, geht's Euch anders?






Kommentare:

Uschi Ronnenberg hat gesagt…

Oh ja, die Spanienhunderetter. iLike the Schmähung!

Thies Thiessen hat gesagt…

Danke, Frau Ronnenberg. Im Übrigen erfreulich, dass es auch außer mir TexterGestalter über 50 gibt. (Auch, wenn die alle frei sein müssen ;-)

Christian hat gesagt…

Es gibt also auch außer Dir über 50 "TexterGestalter"?
Sagenhaft.
Ich dachte, es wären viel weniger.
Trotzdem gut, dass es Euch gibt - es ist ein dreckiger Job, aber jemand muss ihn machen!